Von Carlos Haas (Historisches Kolleg München)
Am Freitag, den 24. Januar 2025 veranstaltete das Lateinamerika-Netzwerk der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) in Kooperation mit dem Amerikahaus München eine prominent besetzte Podiumsdiskussion. Expert:innen aus Wirtschaft, Kultur, Politik und Wissenschaft debattierten über die Potentiale der Weltregion Lateinamerika im 21. Jahrhundert.
Wilfredo Ticona, Botschafter des plurinationalen Staates Bolivien, Yaatsil Guevara González, Juniorprofessorin für “Migration and the Americas” am Center for Ibero-American Studies der Universität Heidelberg, Jessica de Pleitez von der IHK München – Oberbayern und Ariel Magnus, argentinischer Schriftsteller und Übersetzer, der seit langen Jahren in Deutschland lebt, waren der Einladung des Netzwerks nach München gefolgt. Eveline Dürr, Professorin für Ethnologie und Koordinatorin des Netzwerkes, moderierte gemeinsam mit Benjamin Loy, Professor für Romanische Philologie (beide LMU), die eineinhalbstündige Veranstaltung. Sie spannten einen weit gefassten Bogen von der Umweltproblematik über wirtschaftliche Kooperation und die Herausforderungen der Migration bis hin zu Fragen der kulturellen Repräsentation.
Botschafter Ticona erläuterte zu Beginn die Schwierigkeiten, denen Länder wie Bolivien in einer globalisierten Welt ausgesetzt seien. Nur in der Zusammenarbeit mit der Weltgemeinschaft ließen sich die Probleme, die der Klimawandel verursache, lösen. Trotz dieser Abhängigkeit und seiner grundsätzlich großen Vulnerabilität habe Bolivien einen wichtigen Beitrag zu leisten, da es sowohl über große Ressourcen als auch über alternative Konzepte zur Bewahrungvon Natur und Umwelt verfüge. Jessica de Pleitez betonte, weshalb Lateinamerika aus wirtschaftlicher Perspektive interessant für Deutschland und Europa sei. Nicht nur als Absatzmarkt für europäische Produkte, sondern auch als Reservoir für Fachkräfte, Rohstoffe und Nahrungsmittel werde der Subkontinent in Zukunft eine wirtschaftlich noch wichtigere Rolle spielen als bisher. Yaatsil Guevara González unterstrich, wie viel die europäischen Gesellschaften von Lateinamerika bei der Bewältigung sozialer Probleme lernen könnten. Die Menschen in Lateinamerika hätten über lange Jahrzehnte hinweg Strategien entwickelt, um mit großen Herausforderungen umzugehen. Für Europa würde es sich lohnen, diesen Erfahrungsschatz ernst zu nehmen. Ariel Magnus schließlich stimmte der provokativen Behauptung Benjamin Loys grundsätzlich zu, wonach die Wahrnehmung Lateinamerikas in Europa heutzutage vor allem vonKlischees und Stereotypen geprägt sei. Die Hochzeit der Begeisterung für lateinamerikanische Literatur, aber auch für alternative Gesellschaftsentwürfe und die damit zusammenhängen Repräsentationen in Literatur und Bildender Kunst sei in der Tat vorüber. Dieser Befund sei jedoch kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Vielmehr seien Klischees durchaus eine Chance, neue Aufmerksamkeit für die reiche Kulturlandschaft lateinamerikanischer Länder zu generieren.
Der Grundton des Podiumsgesprächs war positiv. Die Diskussionsteilnehmer*innen waren sich wohl darin einig, dass Lateinamerika auf der weltpolitischen Bühne derzeit keine herausragende Rolle spiele, nicht zuletzt, weil die Augen der Öffentlichkeit auf die Konflikte in anderen Weltregionen oder auf die politischen Entwicklungen in den USA gerichtet seien. Dennoch sei unbestritten, dass sich Lateinamerika durch Ressourcenreichtum, kulturelle Vielfalt und dynamische politische sowie gesellschaftliche Entwicklungen auszeichne. Die Region erweise sich immer wieder als unerschöpfliche Quelle von Innovationen und liefere entscheidende Impulse für die Bewältigung globaler Herausforderungen wie nachhaltige Entwicklung, Umweltschutz, Klimawandel, Migration und soziale Ungleichheit.
Der Zuspruch der Münchner Stadtgesellschaft an der Podiumsdiskussion zeigte, dass auch in der bayerischen Landeshauptstadt das Interesse an Lateinamerika größer ist, als oft vermutet. Das Lateinamerika-Netzwerk wird auch in Zukunft zur Sichtbarkeit Lateinamerikas beitragen. Es versteht sich als LMU-weite Plattform für den Erfahrungsaustausch zu lateinamerikanischen Themen in Forschung und Lehre sowie zu Kooperationen mit lateinamerikanischen Partnerinstitutionen.

Cite as: Haas, Carlos Alberto. (2025). ‘Lateinamerika im Fokus: Podiumsdiskussion im Münchner Amerikahaus’, Planetary Healing Blog, url: https://www.planetaryhealing.gwi.uni-muenchen.de/lateinamerika-im-fokus/